Wissen: Der Erkennungsdienst der Polizeidirektion München: Unterschied zwischen den Versionen
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Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik Band 40 von 1911 online [https://www.google.de/books/edition/Archiv_f%C3%BCr_Kriminal_Anthropologie_und_K/7y4oAQAAIAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Erkennungsdienst%20der%20Polizeidirektion%20M%C3%BCnchen&pg=PA117&printsec=frontcover verfügbar] <br> | Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik Band 40 von 1911 online [https://www.google.de/books/edition/Archiv_f%C3%BCr_Kriminal_Anthropologie_und_K/7y4oAQAAIAAJ?hl=de&gbpv=1&dq=Erkennungsdienst%20der%20Polizeidirektion%20M%C3%BCnchen&pg=PA117&printsec=frontcover verfügbar] <br> | ||
Version vom 21. Februar 2026, 18:31 Uhr
Was
Vielfach wird den Ermittlern vorgeworfen, sie wären kopflos an den Tatort gekommen, und hätten dort ohne System ja chaotisch agiert, es versäumt Fingerabdrücke zu nehmen oder hierfür gar nicht ausgestattet gewesen zu sein. Auf dieser Seite wollen wir die Tätigkeit des Erkennungsdienstes insbesondere bei der Tatbestandsaufnahme näher vorstellen.
Theodor Harster, der ab 1909 im damaligen Königreich Bayern den Landeserkennungsdienst mit aufbaute, verfasste für den 1911 vom Kriminologen herausgegebenem 40. Band des Archivs für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik einem umfassenden Einblick in den Erkennungsdienst der Polizeidirektion München.
Weitere zusätzliche detaillierte Informationen in der Kategorie Polizeiarbeit.
Gründung
Die Kriminalbeamtenkonferenz in Berlin vom 14. und 15. Juni 1897 und der Einführung der Körpermessung nach Bertillons Systemim Deutschen Reich, hatte auch für München die Einrichtung eines Erkennungsdienstes bei der K. Polizeidirektion zur Folge. Es wurde ein Atelier bereitgestellt, ein photographischer Apparat nach Bertillons System, eine Kamera für Tatbestandsaufnahmen und ein Vergrößerungsapparat beschafft. Beamte wurden im Messen und Fotografieren ausgebildet und gegen Ende des Jahres 1898 konnte der Erkennungsdienst seine Tätigkeit beginnen.
Tätigkeit
Registratur für Fingerabdrücke
Bei der Einrichtung einer daktyloskopischen Registratur in München war die größte Schwierigkeit die Wahl des Systems für die Klassifizierung und Registrierung der Fingerabdruckbogen. Von vornherein stand fest, daß für München nur ein Verfahren in Betracht kommen konnte, dass im Gebiete des Deutschen Reiches bereits irgendwo Boden gefasst hatte. Zur Wahl standen damit das englische System Henry , dessen eifrige Verfechterinnen die Polizeidirektionen Wien und Dresden sind, dann das von Bertillon und Klatt modifizierte Henrysche Verfahren, nach dem der Berliner Erkennungsdienst arbeitet, und die Registrierungsmethode, die Polizeidirektor Dr. Roscher in Hamburg erdacht und bei der Polizeibehörde in Hamburg eingeführt hat.
Da das Verfahren Henrys das daktyloskopische Ursystem war und von allen Klassifikationsmethoden die weiteste Verbreitung genoß, entschied man sich dafür. Die K. Polizeidirektion München hat das System Henry den beiden anderen Methoden vorgezogen, weil sie das Ursystem trotz mancher Mängel immer noch für besser hielt als die abgeleiteten Systeme Berlins und Hamburgs und außerdem auch deshalb , weil das englische System in Deutschland und im Ausland am weitesten verbreitet ist. Am 1. Juli 1909 trat die Registratur für Fingerabdruckbogen beim Münchener Erkennungsdienst ins Leben.
Weitere Details inklusive einer Statistik der bayerischen Landestelle für Fingerabdrücke auf unserer Spezialseite.
Behandlung der am Tatort gefundenen Fingerabdrücke
Josef Rubner von der Polizeidirektion in München, berichtete von einem von ihm entwickelten, neuen Verfahren bei der Aufnahme von Fingerabdrücken am Tatort. Seiner Meinung nach bildeten die bis zu diesem Zeitpunkt gebräuchlichen Methoden, wie z.B. das Auflegen von klebrigen, undurchsichtigen Präparaten auf die eingestäubten Fingerabdrücke, Probleme, da sich häufig Luftblasen bildeten, die eine einwandfreie Aufnahme der Spur verhinderten. Falls der Abzug jedoch gut gelang, so ist er dennoch seitenverkehrt, und muss erst seitenrichtig hergestellt werden, was nach Rubner am besten mit der Schneiderʼschen Folie gelang. Dies war für ihn auch das beste Verfahren, neben dem Fotografieren der Fingerabdrücke, welches aber viel zeitaufwendiger und teurer war. Rubner entwickelte ein seiner Ansicht nach billigeres und einfacheres Verfahren.
Er mischte, jeweils in gleicher Menge, Glyzerin und eine Gummilösung, die damals in Büros als Klebemittel verwendet wurde, miteinander und trug dieses Gemenge auf Gelatinepapier auf, das er sodann in der Luft trocknete. Mit Hilfe dieses Gelatinepapiers konnte man nun Fingerabdrücke, die mit Staub – laut Rubner am besten mit feinem Aluminiumpulver – sichtbar gemacht worden waren, abnehmen.
Photographie
Der Münchener Erkennungsdienst verfügte über ein ausreichendes photographisches Atelier mit 2 geräumigen Dunkelkammern. Im neugebauten "Augustinerstock" wurden große Räume für photographische Zwecke vorgesehen.
An Apparaten besaß der Erkennungsdienst:
- 3 Reisekameras (24 mal 30, 13-mal 18 und 9 mal 12)
- einen Apparat für Bertillonsche Aufnahmen, der seit dem Jahre 1899 im Betrieb war und bis 1911 als 10 000 Aufnahmen geliefert hatte
- eine von der Firma Ernemann in Görlitz hergestellte Kriminalausrüstung „Globus II" mit Optik von Berthiot-Lacour (System Bertillon) für metrische Photographie
Zum Photographieren von Fingerabdrücken u. dgl. sind die vorhandenen Apparate ausreichend. Liefern sie keine genügenden Ergebnisse, so werden die betreffenden Gegenstände an die vorzüglich arbeitende, mit den modernsten und besten Apparaten ausgerüstete Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie , Chemigraphie, Lichtdruck und Gravüre in München hinübergegeben, die dann die Aufnahme besorgt.
Aufbewahrung
Zunächst wurden die Bilder der lebenden Personen nach „Verbrecherspezialitäten“ geordnet in Schachteln aufbewahrt. Man erkannte jedoch bald, daß der Wert dieser Sammlung nicht sehr groß war, denn ein Nachsuchen war nur dann erfolgreich, wenn die Verbrecherkategorie des Gesuchten die gleiche war wie die, unter der die Photographie seinerzeit registriert worden war. Diese Erkenntnis führte Dr. Robert Heindl in München zu seinen, den Lesern des Archivs bekannten Vorschlägen einer anderen Einteilung der Photographiensammlung. Heindl ordnete die Schachteln mit den Photographien in einen waagrecht und senkrecht in gleich große Fächer geteilten Schrank ein. Die Photographien werden zunächst nach der Körpergröße geordnet. Die oberste Fachreihe enthält die größten, die unterste die kleinsten Verbrecher. Die 8 waagrechten Reihen sind nach der Verbrechensspezialität senkrecht geteilt. In den einzelnen Schachteln sind die Photographien nach dem Geburtsjahr des Verbrechers gelegt; der älteste liegt am weitesten hinten, der jüngste liegt ganz vorn. Diese Dreiteilung nach den Dimensionen des Schrankes (Breite: Körpergröße, Höhe: Verbrechensspezialität, Tiefe: Alter) ermöglicht ein sicheres, planmäßiges Suchen, das bei der Einteilung lediglich nach der Verbrechensspezialität nicht möglich war.
Statistik über die photographischen Arbeiten des Erkennungsdienstes München
| Aufnahmen | lebender Personen | sonstige Aufnahmen | Summe der Aufnahmen | Kopien |
|---|---|---|---|---|
| 1903 | 894 | 31 | 925 | 4027 |
| 1904 | 1006 | 35 | 1041 | 3619 |
| 1905 | 845 | 26 | 871 | 2979 |
| 1906 | 923 | 53 | 976 | 4880 |
| 1907 | 902 | 44 | 946 | 4713 |
| 1908 | 817 | 63 | 934 | 5908 |
| 1909 | 1307 | 282 | 1589 | 9152 |
Weitere Hilfsmittel
Körpermessung nach Bertillons System
Bekannt als Bertillonage. Diese wurde weiterhin angewandt, wenn klassifizierbare Fingerabdrücke nicht zu erlangen waren , und bei berufsmäßigen internationalen Verbrechern. 1908 wurden 34 und 1909 18 Personen gemessen.
Sammlung von Nachrichten über Verbrechensspezialitäten
Diese Sammlung hatte den Zweck beim Auftauchen bestimmter eigenartiger Verbrechertricks usw. sofort Vorgänge gleicher oder ähnlicher Art nachzuweisen und das rasche Auffinden der einschlägigen Personalakten und Photographien zu ermöglichen. Diese Sammlung leistete besonders bei der Aufspürung ganz einseitiger Spezialisten z . B. der Türdrückerdiebe, Treibriemendiebe, Handkarrendiebe, usw. gute Dienste.
Kartensammlung für gestohlene und verlorene Wertgegenstände
Ein nach Hamburger Beispiel durch Sicherheitskommissär Rubner ausgearbeitete Mustersammlung von Wertgegenständen. Der Text
enthielt zunächst eine Beschreibung der 24 meistverbreiteten Edelsteine und Halbedelsteine, dann der Perlen und Korallen und der wichtigsten Edelmetalle. Dann folgten Mitteilungen über Juwelierwaren mit Erläuterungen technischer Ausdrücke (z. B. collier de chien, Marquisring, Fassung à jour, Krappenfassung, Boutons, Pendeloques ,
usw.). Diesem folgten Zeichnungen für 17 Uhrformen, 6 Uhrgehäuse und 3 Bügelformen, 6 Muster für Hals- und Kopfschmuck, 19 Uhrketten-, 26 Armbänderformen, 52 Fingerringe, 9 Ohrringe, 37 Busennadeln, 21 Broschen, 9 Lorgnons und Lorgnettes, Feldstecher, Operngläser und photographische Objektive, alles , soweit nötig, mit erläuterndem Text.
Alle Referenten und Hilfsarbeiter des Sicherheitsdienstes, jede Schutzmannsstation, jede Polizeiwache und jeder Kriminalschutzmann ist im Besitz einer solchen Mustersammlung. Nach ihr arbeiten ferner die gesamte bayerische Gendarmerie ,
die 1100 Exemplare besitzt, und die Polizeibehörden in 59 unmittelbaren und mittelbaren bayerischen Städten. Auch das Stadtpolizeiamt Stuttgart hat sie angenommen. Wird in Stuttgart oder Nürnberg eine Uhr gestohlen, und telegraphiert die Polizeibehörde nach München : „ Goldene Herrenuhr MS 3, 10, 9 , 25 gestohlen " , so weiß die Polizeidirektion München ohne weitere Mitteilung, daß es sich um eine Uhr mit 2 Sprungdeckeln, mit arabischen, rund eingefaßten Ziffern, mit Sekundenzeiger, mit Monogramm auf guillochiertem Grund und mit ovalem Bügel handelt.
Polizeihunde
Stand 1911 besaß die Polizeidirektion München eine Hundestaffel mit 15 Hunden ( 11 Deutsche Schäferhunde und 3 Airedaleterriers) , die als Schutzhunde und an der Peripherie der Stadt auch im Kriminaldienst gute Dienste leisteten. Mehr auf der Spezialseite
Handschriftensammlung
1911 war eine die Anlage einer Handschriftensammlung im Gespräch.
Tätigkeit des Erkennungsdienstes bei der Tatbestandsaufnahme
Vollständiges Zitat aus dem Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik Band 40 von 1911 herausgegeben von Prof. Dr. Hans Gross
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IV. Die Tätigkeit des Erkennungsdienstes bei der
Tatbestandsaufnahme. |
Nachrichtendienst für die Sicherheitspolizei
die Zigeunerzentrale war dem Erkennungsdienst angeschlossen. (Anm.: aufgrund der Sensibilität erlauben wir uns hier direkt auf Wikipedia zu verlinken)
Personal
Dr, Theodor Harster
Andreas Biegleder
Josef Rubner
Quellen
Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik Band 40 von 1911 online verfügbar
Diplomarbeit von Katharina Mösslacher
System und Praxis der Daktyloskopie und der sonstigen technischen Methoden der Kriminalpolizei von Robert Heindl
Artikel in den Münchner neueste Nachrichten vom 18. Juli 1914