Zeitungsartikel: 1903-07-01 Morgenblatt Münchner neueste Nachrichten

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Detailinformationen

Datum

01.07.1903

Ort

München

Art des Dokumentes

Zeitungsartikel

Verfasser

Verfasst für

Münchner neueste Nachrichten Morgenblatt, Nr. 301

Inhalt

Gerichtssaal

Die Einbrecherbande Schmaderer vor Gericht
(Landgericht München II)

(Fortsetzung; sh. Nr. 300.)

Die Hehlertätigkeit lag meistens dem Hammerl ob. Er war auch derjenige der Bande, der in den Fällen, in denen er selbst Mittäter war, den Verkauf der Pfandbriefe besorgte. Er schichte meist Dienstmänner mit den gestohlenen Papieren in die Bankgeschäfte und ließ sich den Erlös an einen verabrebeten Ort überbringen. Zu seiner Sicherung begleitete ihn seine Geliebte Schallmoser, die den Dienstmännern unbemerkt in die Geschäfte folgte, dort zum Schein ein Geldstück wechseln ließ und acht gab, ob der Pfandbrief nicht beanstandet und angehalten werde, um Hammerl rechtzeitig warnen zu können. Beim Verkauf der Sulzbacher Pfandbriefe, deren Hammerl am 17. Oktober für 1700 Mk. bei Bankier Lang und für 1500 Mk. bei Bankier Weil absetze, trieb sich der alte Schmaderer vor den Läden herum, um eine eventuelle Warnung der Schallmoser dem Hammerl zu übermitteln zu können. Tatsächlich wurden bei einem Versuch Hammerls, am 27. Oktober 1902 weitere 2200 Mk. Papiere bei dem Bankier Weinmann zu verkaufen, die Pfandbriefe angehalten; Therese Schallmoser warnte den außen wartenden Joseph Schmaderer, dieser Hammerl.
Schauberger ist ein schwer vorbestrafter, rückfälliger Dieb, dessen Spezialität im Gegensatz zu dem gemalttätigen Vorgehen des Joseph Schmaderer in Diebstählen mittels Nachschlüssel und Dietriche besteht. Er verkehrte seit seiner im Juni 1900 erfolgten Entlassung aus dem Zuchthause Kaisheim wieder mit Schmaderer, in dessen Haus er in der Waschküche seine Nachschlüssel fertigte. Von ihm rühren auch die zahlreichen Wachsabdrücke her, die, wie ermittelt, teilweise an hiesigen Juwelierläden und Häusern abgenommen worden waren.
Josepha Schmaderer war seit 1870 mit Joseph Schmaderer verheiratet, ist rückfällige Diebin unb bereits vorbestraft. Nach den Angaben der übrigen Beschuldigten spielte sie beim Betriebe der Einbrüche eine große Rolle. Sie war die Vertraute ihres Mannes, war von seinen Diebstahlsplänen unterrichtet, schlug Diebstahlspläne vor und pflegte ihm vor den Auszügen zum Diebstahl Karten zu schlagen. Sie hatte das Regiment im Hause und beherrschte ihren Mann völlig. An der Verwertung der Diebsbeute hatte sie hervorragenden Anteil. Die gestohlenen Schmucksachen und Pfandbriefe pflegte der alte Schmaderer selbst in Händen zu behalten und mit Wissen und Willen seiner Frau in den Häusern in Furth und München aufzubewahren. In seinem hiesigen Hause wurde hauptsächlich der Fehlboden als Versteck benützt. Die Schmucksachen wurden zum großen Teil zerschlagen und zur Münze gegeben. Die bei den Diebstählen erbeuteten Lebensmittel und Waren einmal wurde in Aschheim ein ganzes Schwein gestohlen lieferte der alte Schmaderer seiner Frau ab, die sie im Haushalte verwertete. Ebenso mußte er sämtliches erbeutete und aus dem Verkauf der Papiere erlöste Bargeld an sie abliefern. Sie verwahrte und verwaltete das Geld und Mann und Sohn hatten sich, wenn sie Geld brauchten, an sie zu wenden. Sie kaufte auch die Häuser in Furth und München. Von den gestohlenen Gegenständen nahm sie manche (Schmuck und Kleiderstoff) für sich, schenkte viele ihren Töchtern und verkaufte einige an andere Personen.
Therese Schallmoser ist die älteste Tochter des Joseph und der Josepha Schmaderer, heiratete den Brennmeister Schallmoser, lebte aber schon seit 1899 von ihm getrennt und hat seit dieser Zeit ein Verhältnis mit Hammerl. Beide führten gemeinschaftlichen Haushalt. Therese Schallmoser wußte, daß ihre Familie vom Diebstahl lebte und daß Hammerl deren Diebsgenosse war, da sie selbst ihn dazu verführt hatte. Trokdem hat sie seit Jahren den unehrlichen Erwerb ihrer Eltern und später auch den Hammerls ausgebeutet, indem sie von dem gestohlenen Schmuck viele und wertvolle Stücke zum Geschenk nahm und gestohlene Lebensmittel, die Hammerl mitbrachte, an sich nahm und verbrauchte.
Marie Schmaderer war zwar weniger im elterlichen Hause als ihre Schwester Therese, allein auch ihr konnte es nicht verborgen bleiben, daß die Mittel zur Führung des elterlichen Haushaltes und zum Erwerb der Häuser mangels jedes anderen Verdienstes der Eltern und des Bruders nicht auf redliche Art erworben sein konnten und bei den Verhältnissen ihrer Eltern die zahlreichen wertvollen Schmuckgegenstände, die sie von ihnen erhielt, nicht gekauft oder sonst ehrlich hätten beschafft werden können.
Margarete Birner hat nur in dem einen Falle, in welchem sie ertappt wurde, eine Hehlertätigkeit ausgeübt. Sie starb in der Untersuchung.
Der Hauptbeteiligte, der alte Schmaderer, hat sich der irdischen Gerechtigkeit selbst entzogen, indem er sich am 29. Dezember im Untersuchungsgefängnis erhängte.
Die Angeklagten, gewöhnliche Physiognomien, werden unter Schutzmannbegleitung vorgeführt. Die männlichen Mitglieder der Bande sind im allgemeinen geständig und leugnen nur bezüglich der Einzelheiten. Anders die Wittwe des verstorbenen Schmaberer, die sich mit großer Zungengewandtheit verteidigt und jede Mitwissenschaft in Abrede stellt. Aehnlich verhalten sich die Töchter derselben, Therese Schallmoser und Marie Schmaberer.
Ueber den Einbruch im Pfarrhofe in Sulzbach wurde erhoben:
Hammerl hielt sich im Herbst 1902 einige Wochen lang im Aichacher Bezirk auf, um eine passende Gelegenheit zum Stehlen auszufundschaften, die er auch im Pfarrhof zu Sulzbach fand. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag, 26. Oktober 1902, begaben sich Jos. Schmaderer, Ignaz Schmaberer und Hammerl dorthin, nahmen unterwegs in Obergriesbach eine Kreuzhaue, ein Stemmeisen und eine Holzhacke als Brechwerkzeuge mit und warteten bis der vormittägige Gottesdienst begann. Hammerl, der den Weg gezeigt hatte, wartete in einem nahegelegenen Wäldchen. Die beiden Schmaderer sprengten die Türe des Pfarrhofes auf, erbrachen im oberen Vorflure einen Registraturschrank und im Schlafzimmer des Pfarrers die dort vermahrte eiserne Kirchenstiftungskasse, aus der sie Wertpapiere der Kirchenstiftung Sulzbach im Nominalwerte von 12,328 Mk. 58 Pfg., außerdem 4 Mk. Bargelb und 7 silberne Löffel des Pfarrers Schuster und 45 Mk. bar und verschiedene Schmuckgegenstände der Pfarrersköchin stahlen. Noch in der gleichen Nacht stiegen die drei Genossen in das Haus des Bauern Georg Mitterer mittels einer Leiter ein und entwendeten Kleidungsstücke im Werte von 50 Mk.
Am 23. Oktober Früh gegen 5 Uhr hoben Joseph und Ignaz Schmaderer am Hause des Bauers und Bürgermeisters Franz Meisinger in Mühlen, Gemeinde Bachendorf bei Traunstein, eine Eisenstange vor dem Schlafzimmerfenster aus, Joseph Schmaderer stieg durch das Fenster, die anderen standen Spähe. Ersterer erbrach einen Kasten und stahl mehrere Pretiosen, Eheringe u. a.
In der Nacht vom 12. auf 13. Oktober hoben die Schmaderer zwei Fensterläden des Pfarrhofs in Bachendorf aus, bogen die Eisenstäbe vor dem Fenster auseinander, Joseph Schmaderer stieg ein und reichte denaußen Wartenten verschiedene Kleidungsstücke, Bettwäsche .u. s w. (Fortsetzung folgt.)